
Es ist schon viel über "Play Time" von Jaques Tati geschrieben worden. Trotzdem ist der Film es wert, immer wieder besprochen zu werden. Er beschreibt im Jahre 1967 das komplette Ausmaß der modernen Welt in Zeiten der Globalisierung, bebildert in einzigartig kühler Weise das Wimmeln der grauen Großstadt, in der sich der nicht moderne Mensch unsäglich verliert und ist daher aktueller denn je. Der Reiz des Filmes geht aber meines Erachtens nicht nur von einem melancholischen oder technikkritischen Standpunkt aus, sondern bringt den Zuschauer viel mehr zum Lachen. Kein Wunder, ist Tati im Grunde ein Komiker - der Chaplins "Modern Times" von 36 ins Absurde führt.
Alles fängt am Flughafen an und zeigt das internationale Treiben zahlloser Menschen, die in verschiedenen Sprachen unzählbare Sinnlosigkeiten von sich geben. Wäre es ein Kinderfilm, hätte ihn wahrscheinlich Stephan Baumann gezeichnet. Vergeblich wartet der Zuschauer auf die eintretende Handlung - das kalte Bild der Stadt in ihrer postmodernen Architektur und die verwirrten Menschen stehen als Story allein im Raum. Man möchte fast meinen, es ist ein bewegtes fotorealistisches Ölbild, denn der Handlungshorizont verweilt einzig auf der Bildebene. Das "Thema [des Films] ist die Krise des technisierten und mediatisierten Alltags des 20. Jahrhunderts und der modernen Urbanität", schreibt Michael Glasmeier in seinem Buch "'Playtime' – Film interdisziplinär. Ein Film und sieben Perspektiven". Zwar trifft Glasmeier damit den Nagel auf den Kopf - doch vergisst er meines Erachtens, das Komische als maßgebliches Hauptelement mitzudenken. Ein Beispiel: Der Fokus ab der ersten Sequenz, und im Verlauf des ganzen Films, liegt auf zwei Positionen: einer Gruppe amerikanischer Damen, die in einer Art Butterfahrt Paris erkunden, ein Paris ohne Eiffelturm und Romantik, sondern ein Paris, in dem Abfalleimer in Form griechischer Säulen angepriesen und verkauft werden, eine graue Stadt, die nur vom Rauschen des modernen Treibens verschiedener Personen, Automobile und mechanischem Surren erfüllt ist. Und so quaken die Damen den ganzen Film wie ferngesteuerte Hühner durch das Bild, ohne einen sinnvollen Satz zu äußern. Der zweite Fokus liegt auf einem älteren Herren (gespielt von Jaques Tati selbst), der zwar anfangs ein Ziel hat, nämlich in einem labyrinthartigen Bürokomplex einen gewissen Herrn Griffauche zu treffen. Mit jeder Minute verläuft er sich aber mehr, mit jeder Szene merkt man, dass dieser Herr einfach nicht in das stereotype Treiben der Menschen passt und verloren geht. (Allein seine Art zu gehen sticht komplett aus den Bewegungen des restlichen Figurenarsenals heraus). Und so wird dieser Herr alten Schlags hin und her geworfen, kennt sich bald nicht mehr aus und fällt von einer absurden Szene in die andere. Diese beiden Hauptakzente (Gruppe Damen und alter Herr) führen durch den Film über verschiedene Stationen: Flughafen, Bürokomplex, gläsernes Wohnzimmer, Massenrestaurant etc.
Durch das Fehlen von Handlung wird - so meine These - eine neue Handlung aufgemacht: Das Bild des absurden modernen Lebens ist die Handlung. Dass das Leben keinen Sinn hat und die moderne, technisierte Welt das romantische Gefühl, dass das Leben Sinn haben könnte, längst aufgeweicht hat. Diese im Grunde sehr traurige Anschauungsweise wird durch absolut komische Elemente getragen. (Einen schönen Artikel dazu findet Ihr von David Bordwell auf Seiner Filmseite über den "Funny Frame"). Die Romantik ist verloren. Man sieht nur ein einziges Mal den Eiffelturm - in der Spiegelung einer Glastüre des Bürohauses. Eine Dame des amerikanischen "Butterfahrtensembles" öffnet diese Türe und sieht den Eiffelturm mit roten Wolken umgeben wie auf einer Postkarte. In dem Moment, als sie sich umdrehen will und den Eiffelturm real ansehen möchte, wird sie von einer ihrer Mitreisenden in den Verkaufsraum gezogen, wo ihr ein Staubsauger mit Scheinwerfern angedreht wird. Man könnte also sagen, dass das Leben, wie es noch Sinn machte, nur auf einer Art Postkarte existiert, nicht mehr real. Real ist nur noch der Verkehr, das Brummen von Neonröhren, grüne Leuchtreklame und gläserne Wohnzimmer.
Unterstrichen wird die These zudem davon, dass der ältere Herr in dieser Millionenstadt immer wieder auf alte Kriegskumpanen stößt, die ihn dann in ihre moderne Welt hineinziehen. Jedes Mal freut sich der Herr sehr, jemanden zu finden, den er kennt - und verliert diese Person so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Es wäre etwas hart, zu behaupten, der Mann, der den Krieg miterlebte, kommt aus einer Welt, in der man noch für Ziele, für ein Ideal gekämpft hat und ist verloren in dieser sinnlosen Welt. Aber in abgeschwächter Form trifft das auf die Existenz des Mannes genau zu. Denn das alleinige Ideal, das in Play Time gezeigt ist, ist die Moderne. Keiner weiß warum, aber jeder findet es gut und normal.
An einigen Stellen musste ich sogar an Hieronymus Bosch denken. Sicher sind dessen Bilder sehr gewaltsam und stellen ein mannigfaltiges Horrorszenario dar. Doch vom Detailgrad und der dargestellten Masse kann man in Play Time sicher Elemente davon sehen.
Es ist kein Popcorn-Film und die Handlung geht ab, aber dieser Film bringt einen jede Minute zum Lachen, wenn man sich auf seine Absurdität einlässt. Ein Muss für jeden Filmfan!
Weitere Artikel: Deutsches Filmmuseum Frankfurt, Filmtipp, Filmzentrale, arte, Work in Progress, Wikipedia.
Viel Spaß,
der Basil

