Austausch bewegter Bilder

"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität." (Alfred Hitchcock)

Sonntag, 18. Oktober 2009

Fiktion und Wahrheit


Der Fall Polanski beschäftigt die Medien, insbesondere die Internetgesellschaft, seit seiner neuerlichen Festnahme in der Schweiz außerordentlich und sie haben ein konzises Bild vom "kinderschändenden" Regissieur. Insgesamt lässt sich das Gros der Meinungen auf die rethorische Frage "Sollte ein Regisseur über dem Gesetz stehen?" reduzieren. Natürlich nicht. Darin besteht keine Frage, wenn man den Gleichheitsgrundsatz der Demokratie zu Grunde nimmt. Gleich vor dem Gesetzt bedeutet aber auch nicht schlechter - und es hat den Anschein, dass Polanski nicht wie ein "Gleicher" behandelt wird. Der Fall um die 1977 geschehene Tat lässt sehr viele Fragen offen und ungelöst. Vielleicht lügt Polanski, wenn er sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Vielleicht aber auch nicht.

Die Beweislage ist hier lückenhaft, Aussagen widersprechen sich. Das ist im Grunde nichts Außergewöhnliches in solchen Prozessen. Außergewöhnlich indes ist, dass der ebenfalls demokratische Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" im Fall Polanski nicht zum Greifen kommt. Rüdiger Suchsland beschreibt auf artechock dieses Mißverhältnis sehr genau und kommt zu dem logichen Schluss, dass im Fall Polanski das Rechtssystem auf tönernen Füßen steht, denn hier heißt es vielmehr "Im Zweifel gegen den Angeklagten". "Selbst die Anklage unterstellt ihm keine Gewaltanwendung. Zudem besteht Polanski darauf, das Alter seines Opfers sei ihm unbekannt gewesen. Das ist möglich, genauso wie es möglich ist, dass er lügt. Aber es geht nicht darum, ob man ihm das glaubt. Sondern darum, dass er den juristischen Anspruch darauf hat, dass wir es ihm glauben – bis zum Beweis des Gegenteils.
Feine Unterschiede spielen aber bei der hier hysterisierten Öffentlichkeit und ihrer eingespielten Empörungsmaschine längst keine Rolle mehr."

Es ist immer kritisch voreilige Schlüsse zu ziehen. Kritikbewusstsein ist aber in Bezug zu Polanski völlig abhanden gekommen, die Stimmung gegen den Oscar Preisträger ist in einer Weise aufgeheizt, dass eine distanzierte Betrachtung der Sachlage unmöglich scheint. Vielmehr dient bald das Werk Polanskis, seine Filme wie Rosemary's Baby, Der Mieter, Tanz der Vampire und Chinatown als Grundlage für eine Verurteilung in den USA, die öffentliche Meinung zieht keinen Unterschied mehr zwischen Fiktion und Realität, zwischen Autor und Werk. Es ist dann nicht mehr weit hin zur Zensur, wenn das Werk des Künstlers zur generellen moralischen Verurteilung der Person des Autors dient.

Wenn erwiesen ist, dass Polanski 1977 sich den Geschlechtsakt mit der damals 13-jährigen gewaltsam erzwungen hat, war es sexueller Mißbrauch und er muss auf dieser Grundlage wie jeder andere auch verurteilt werden. Sollte das nicht der Fall sein, bleibt es Unzucht mit Minderjährigen. Polanski selbst sagte aus, er habe nicht gewusst, wie alt Samantha Geimer damals war. Per se wurde ihm das damals nicht geglaubt und "im Zweifel gegen den Angeklagten" saß Polanski daraufhin 90 Tage in Einzelhaft, verurteilt von einem Richter, der nachträglich wegen Befangenheit den Fall entzogen bekam.

Fakten gelten hier aber schon lange nicht mehr und auch in Europa wird lüstern darauf geblickt, wie die amerikanische Gerichtsbarkeit Polanski endlich die lang ersehnte Strafe zu Teil werden lässt. Egal wie die Sachlage aussieht. Die "Gerchtigkeit" wird dann ungeachtet der Fakten gesiegt haben und wir haben uns wieder einen Schritt mehr zu einem meinungsopportunistischen Rechtssystem hin bewegt. Quod licet iovi non licet bovi (ein Ausspruch aus dem diktatorischen römischen Reich) kehrt sich um in ein quod licet bovi non licet iovi, allein aus dem Umkehrschluss heraus, dass Polanski eine öffentliche Person ist.

Samantha Geimer hat Polanski schon lange öffentlich verziehen und wünscht kein weiteres Verfahren gegen ihn sondern vielmehr, dass er wieder unbestraft die USA betreten darf. Das ist aber völlig nebensächlich. Denn: "Selbst wenn am Ende ein Fehlurteil herauskommen sollte, ist es das wert, denn immerhin hat man eine Akte anständig geschlossen und das schöne Prinzip nicht verletzt." (artechock). Es handelte sich in diesem Zusammenhang also um ein Urteil, das auf einem fiktionalen Rechtsbegehren begründet ist. Wie in einem schlechten John Grisham Thriller, wenn man die "Gerechtigkeit" so sehr herbeisehnt und der Plot diesen Drang schließlich befriedet. Allein es handelt sich hier nicht um Fiktion. Was zählen sollte ist die Wahrheit. Und so lange die unklar ist, sollte nach wie vor gelten: Im Zweifel für den Angeklagten.

Dienstag, 21. Juli 2009

Tacheles

Um mal von der ganzen intellektuellen Scheiße runter zu kommen (wer's nicht bemerkt hat im Post zuvor: neun journalisten haben jeweils zwei Angehörige, macht 18 Personen...äh na ja, bei Textaufgaben Mumps gehabt) mal was über ein altes Video neu entdeckt. Der sehr unmetaphorische Titel der Gruppe "Sick of it all" sagt ja schon, was Sache ist: kein Firlefanz. So, fragt sich der begeisterte Leser, Wo ist denn Firlefanz? Wikipedia sei Dank hier die Lösung: Das Wort stammt von dem mittelhochdeutschen virlefanz (von virelai, „ein Tanz“) und bedeutet Tand, wertloser (modischer) Kram, aber auch Albernheit, Torheit, Kinderei. Firlefanz steht als Synonym für bedeutungslose, unerhebliche Information und überflüssige Ausschmückung."

Überflüssige Ausschmückung - aha. Wenn eine Frau (und Frauen tendieren dazu sehr gerne) zum Beispiel sauer auf einen ist wegen Grund A und man lange Diskussionen um Grund A führt, man aber dann ernüchternd feststellen muss, dass alles Gestreite auf Grund B basiert, der aber nicht ausgesprochen wird, dann ist Diskussion A Firlefanz! Oder Casting-Shows - mein bevorzugtes Hass-TV-Genre. Gaaanz viele sehr untalentierte mehr minder als gut aussehende Durchschnittsmetzgerazubis kämpfen in unzähligen Folgen darum, Ziel X zu erreichen (Model, Schauspieler, Star im Allgemeinen, Sänger, Normaljobs, lange in einem Haus zu sein). X ist also "Typ hat Ziel erreicht und ist jetzt Model, Schauspieler, Star im Allgemeinen". Entweder ist er es oder eben nicht. Aber das ganze drum rum ist Firlefanz, "wertloser modischer Kram", "unerhebliche Ausschmückung". Oder: In einem Song erzählen viele in sehr vielen Metaphern von was anderem, das sie aber nicht sagen wollen, weil es sonst so banal klingt. Ehrlich: Firlefanz!

Und dann ist da "Sick of it all". Sowohl musikalisch als auch textlich total schnörkellos, absolut abgespeckt, reduziert auf eines: die Message des Songs. Das was der Text sagt, sagt der Text und nichts anderes. Was die Musik darstellt, ist rein der Rhythmus und nichts anderes. Komplett ohne Firlefanz.

Gott ist das erfrischend in einer Zeit, in der man mit Firlefanz aufwacht, in der Arbeit von Firlefanz umgeben ist und selbst noch dazu angehalten wird, Firlefanz zu produzieren, abends Firlefanz im Fernsehen ansieht. Wenn ich jetzt sage, das ist wie "ein Sommerregen nach unglaublicher Schwüle" wäre das - man kann es sich denken.

Hier also total befreit: Let's take the night off. Lyrics stehen unter dem Video.

Rock'n'Roll

Basil



brutal - the big picture is so cruel to us
and everyone's life is such a tiny speck
the worst atrocities can pass. fifty miles away to no effect

power. power
has always been abused
work. debt. poverty. taxes
life's oppressive rules
power. power
just might never change
no answers will come from our bloodthirsty ways

let's take the night off from mental stress
let's take the night off - this world's a mess

captive - held captive by our hopes and dreams
our best intentions can destroy us
we shouldn't grind ourselves away
take a break. we need to maintain

commiserating has run it's course
we'll save the world tomorrow
we'll have to wait until that day
we'll wait. we'll wait
but in the meantime
let's celebrate that we don't give a fuck
let's celebrate that we don't care
let's celebrate that we don't give a fuck
with the middle finger high in the air
let's celebrate that we don't give a fuck
take the night off. pass the buck

Langweiliger Nobelpreisträger

Er ist ein Garant für gute Literatur: Gabriel García Márquez! "Hundert Jahre Einsamkeit" lässt sich verschlingen wie ein Dan Brown für Erwachsene (das musste ich gleich zwei Mal lesen und das kommt selten vor!), "Erinnerung an meine traurigen Huren" ist ein Buch wie ein altes Schmuckstück, man kann immer wieder darauf zurück greifen und es wird nicht langweilig. Mit diesem Ur-Vertrauen kaufte ich mir also für den Urlaub "Nachricht von einer Entführung" und sogar die Frankfurter Zeitung (und da hätte ich eigentlich schon stutzig werden müssen) wird auf dem Klappentext mit folgendem Quote angeführt: "Nachricht von einer Entführung zeigt Gariel García Márquez auf der Höhe seines Könnens." Wenn man also nach Kuba in den Urlaub fährt, so auf den ersten Blick ein perfektes Buch.




Falsch.

Die Story: Es wird von neun verschiedenen Entführungen von Journalisten in Columbien erzählt, die sich über sechs Monate erstreckten. Grund dafür ist die Oppression des Staates seitens Drogenkartellen, maßgeblich geführt von Pablo Escobar. So weit so gut, hört sich spannend an. Diese neun Journalisten haben auch Angehörige. Wenn jeder Journalist mindestens zwei Angehörige hat, macht das schon mal 18 Personen. Hinzu kommen der Präsident, Kinder, Enkel, der Ex-Präsident, Minister, Polizeichefs, Drogenkartellangehörige, eine siebenköpfige Familie, die eingesperrt ist, und so weiter und so fort. Wir sind also sicher bei mindestens 40, gefühlten 280 Figuren, die alle Vor- und Nachnamen haben. Gut, kennt man schon von Dostojewskij und irgendwie sollte man das überleben. Nur geht man bei Dostojewskij nicht unter 1000 Seiten nach Hause und hinten ist meist noch ein netter Stammbaum drin, wo man sich orientieren kann. Nicht so bei der "Nachricht". Hier qurilen diese gefühlten 280 Figuren auf 340 Seiten durch das Wirrwarr columbianischer Politik.
Das Ganze ist dann auch noch eher im Berichtsstil geschrieben, da es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Aber ehrlich, so tief will man im Urlaub nicht in die Mühlen korumpierter politik einsteigen.
Statt also einen hochwertigen Schmöker zu haben, beißt man sich durch dieses Spinnennetz an Handlungssträngen und der einzige Punkt, warum das einen in irgend einer Art berühren könnte, ist die wahre Begenheit. Die muss man sich aber immer wieder vorbeten, um an der Stange zu bleiben.
Auch bei Hundert Jahre Einsameit waren viele Figuren enthalten und wirre Geschichten. Hier aber mit Esprit und so überzogen geschrieben, dass es einfach köstlich ist. Entführung tut nur weh und vielleicht war das auch die Intention von Marquez. Zuzutrauen wäre es ihm. Man kommt sich ähnlich vor wie die Gefangenenen.
Also in allem vielleicht ein gutes Buch für Lietraturstudenten - definitiv nichts für Urlauber.

Wer's trotzdem lesen will: Viel Glück!

In diesem Sinne

Basil

Basil

München, Bayern, Germany